Das Wurstregal im Supermarkt gleicht einem Minenfeld für Verbraucher, die bewusst einkaufen möchten. Während traditionelle Salami-Produkte seit Jahrhunderten nach bewährten Rezepturen hergestellt werden, tummeln sich heute zwischen den Klassikern zahlreiche Varianten, deren Bezeichnungen mehr versprechen, als sie tatsächlich halten können. Besonders problematisch wird es, wenn Gesundheitsaspekte ins Spiel kommen und Verbraucher durch geschickt gewählte Produktnamen in die Irre geführt werden.
Das Spiel mit den Worten: Wenn Bezeichnungen täuschen
Im hart umkämpften Wurstmarkt greifen Hersteller tief in die Trickkiste der Marketingsprache. Begriffe wie „traditionell“, „natürlich“ oder „nach Bauernart“ suggerieren Qualität und Ursprünglichkeit. Während die Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse rechtlich vorgeschriebene Bezeichnungen für bestimmte Wurstsorten festlegen, sind diese werblichen Begriffe nicht genau definiert. Noch problematischer wird es bei gesundheitsbezogenen Aussagen: „Weniger Fett“, „Reduzierter Salzgehalt“ oder „Mit wertvollen Proteinen“ klingen verlockend, verschleiern aber oft die wahren Inhaltsstoffe.
Ein besonders perfides Beispiel sind Salamis, die mit „ohne Geschmacksverstärker“ beworben werden, obwohl sie Hefeextrakt enthalten – ein natürlicher Glutamatlieferant, der dieselbe Wirkung erzielt. Rechtlich ist dies zulässig, da die Kennzeichnung von Lebensmitteln Hefeextrakt nicht als Geschmacksverstärker einstuft, wenn er als natürlicher Bestandstoff und nicht gezielt als Geschmacksverstärker eingesetzt wird.
Die Kunst der Zutatenliste: Was Hersteller verschweigen
Während die Verkaufsbezeichnung lockt, offenbart die Zutatenliste oft eine andere Realität. Bei der Salami-Herstellung kommen heute zahlreiche Zusatzstoffe zum Einsatz, die in der traditionellen Produktion undenkbar wären. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bestätigt, dass für Wurstwaren eine Reihe von Zusatzstoffen zugelassen sind, wobei Nitrite und Nitrate die größte Bedeutung haben. Phosphate zur Wasserbindung, Ascorbinsäure als Antioxidans und verschiedene Konservierungsstoffe sind Standard – auch bei Produkten, die sich als „natürlich“ präsentieren.
Besonders tückisch: Die Reihenfolge der Zutaten folgt der enthaltenen Menge, doch durch geschickte Aufteilung können Hersteller diese Regel umgehen. Statt „Zucker“ als Hauptzutat aufzuführen, werden verschiedene Zuckerarten separat gelistet: Dextrose, Saccharose, Glukosesirup. Jeder für sich rutscht so weiter nach hinten in der Liste, obwohl die Gesamtzuckermenge beträchtlich sein kann. Die EU-Lebensmittelinformationsverordnung verlangt zwar, dass Zutaten nach abnehmender Menge aufgeführt werden, gibt aber keine Regelung vor, die verschiedene Zuckersorten zusammenfassen würde.
Gesundheitsversprechen unter der Lupe
Fettreduzierte Salamis sind ein Paradebeispiel für irreführende Gesundheitsversprechen. Während der Fettgehalt tatsächlich reduziert sein mag, wird oft Wasser hinzugefügt, um Gewicht und Konsistenz zu erhalten. Das Ergebnis: Ein Produkt mit höherem Salzgehalt pro Gramm Trockenmasse und zusätzlichen Bindemitteln, die in der ursprünglichen Variante nicht nötig wären.
Ähnlich verhält es sich mit salzreduzierten Varianten. Der niedrigere Natriumchlorid-Gehalt wird häufig durch Kaliumchlorid kompensiert, das für Menschen mit Nierenproblemen problematisch sein kann. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit bestätigt den Einsatz von Kaliumsalzen als Salzersatzstoffe, während die Verbraucherzentrale darauf hinweist, dass dies für Personen mit Nierenproblemen kritisch sein kann. Diese wichtige Information findet sich jedoch selten prominent auf der Verpackung.

Der Protein-Mythos entlarvt
Salamis, die mit ihrem hohen Proteingehalt werben, verschweigen gerne die Qualität dieser Eiweiße. Während hochwertiges Muskelfleisch tatsächlich alle essentiellen Aminosäuren liefert, setzen kostengünstige Varianten auf Bindegewebsproteine und Kollagen. Diese haben eine deutlich geringere biologische Wertigkeit, werden aber in der Nährwerttabelle gleichwertig aufgeführt, da die Kennzeichnung die Qualität der Proteine nicht berücksichtigt.
Rechtliche Grauzone: Was erlaubt ist und was nicht
Die Lebensmittel-Informationsverordnung regelt zwar die Kennzeichnungspflicht, lässt aber erhebliche Spielräume für kreative Produktnamen. Solange keine expliziten Health Claims verwendet werden, die einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten müssten, können Hersteller mit suggestiven Bezeichnungen operieren.
Problematisch wird es bei Begriffen wie „Diät-Salami“ oder „Fitness-Salami“. Diese erwecken den Eindruck gesundheitlicher Vorteile, ohne dass entsprechende Nachweise vorliegen müssen. Verbraucherschützer fordern seit Jahren eine Verschärfung der Regelungen, stoßen aber auf erheblichen Widerstand der Lebensmittelindustrie.
Durchblick im Bezeichnungs-Dschungel: Praktische Tipps
Ignorieren Sie Werbebotschaften auf der Vorderseite und konzentrieren Sie sich auf die Zutatenliste. Je kürzer diese ist, desto ursprünglicher ist meist das Produkt. Traditionelle Salami kommt mit wenigen Zutaten aus: Fleisch, Salz, Gewürze und Starterkulturen für die Reifung.
- Achten Sie auf die E-Nummern: E250 (Natriumnitrit) ist in Salami üblich und notwendig für die Sicherheit, aber eine übermäßige Anzahl verschiedener Zusatzstoffe sollte hinterfragt werden
- Prüfen Sie die Nährwerttabelle: Salami enthält typischerweise 3 bis 5 Gramm Salz pro 100 Gramm – dies liegt im normalen Bereich für dieses Produkt
- Misstrauen Sie Produkten, die gleichzeitig mehrere Gesundheitsversprechen machen – echte Qualität spricht meist für sich
- Beachten Sie die Herkunftsangaben: „Hergestellt in Deutschland“ bedeutet nicht automatisch, dass auch das Fleisch aus Deutschland stammt
Der Blick auf versteckte Zusätze
Moderne Salami-Produktion nutzt raffinierte Techniken, um Kosten zu sparen und die Haltbarkeit zu verlängern. Transglutaminase, ein Enzym das als „Fleischkleber“ fungiert, muss nicht zwingend deklariert werden, wenn es während der Verarbeitung seine Wirkung verliert und nicht mehr im Endprodukt nachweisbar ist. Dennoch ermöglicht es, minderwertige Fleischteile zu einem homogenen Produkt zu verbinden.
Auch bei Bio-Salamis ist Vorsicht geboten: Zwar sind die verwendeten Zutaten biologischen Ursprungs, aber die Anzahl der erlaubten Zusatzstoffe ist immer noch beträchtlich. Der Bio-Status garantiert nicht automatisch ein traditionelles oder besonders gesundes Produkt.
Die Macht des informierten Verbrauchers
Wer die Mechanismen hinter irreführenden Verkaufsbezeichnungen versteht, kann bewusstere Entscheidungen treffen. Dabei geht es nicht darum, auf Salami zu verzichten, sondern um transparente Information und ehrliche Produktbeschreibungen. Die Lebensmittelindustrie reagiert durchaus auf Verbraucherwünsche – aber nur, wenn diese klar artikuliert werden.
Wer konsequent Produkte mit irreführenden Bezeichnungen meidet und stattdessen ehrlich beworbene Alternativen wählt, sendet ein wichtiges Signal an die Hersteller. Jeder Einkauf ist ein Stimmzettel für die Art von Lebensmitteln, die wir in unseren Supermarktregalen finden möchten. Die Zeit der blumigen Verkaufsversprechen könnte bald vorbei sein – wenn Verbraucher ihre Macht als kritische Käufer konsequent nutzen.
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